
Videos und Versprechen lockten Zehntausende nach Ceuta. Vor Ort fanden viele nur Hunger, geschlossene Läden – und keinen Weg weiter.
Sie kamen mit einer Hoffnung, die sich in Ceuta binnen Stunden in Verzweiflung verwandelte. Zehntausende Migranten hatten die streng gesicherte Grenze zur spanischen Nordafrika-Exklave überwunden – schwimmend, kletternd, laufend. Doch der Traum vom Start in Europa endete für viele in nassen Kleidern, Hunger und der bitteren Erkenntnis: Der Weg aufs spanische Festland war nicht offen.
Angelockt wurden viele nach eigenen Angaben durch virale Videos in sozialen Medien und Nachrichten von Freunden. Darin sei der Eindruck entstanden, die Grenze könne durchbrochen werden. Andere glaubten offenbar, in Ceuta würden sie Unterkunft und Papiere erhalten, sowie aufs europäische Festland übersetzen dürfen.
“Heute” auf Goo
“Man sagte uns, wir bekämen eine Unterkunft und ein Visum für die Weiterreise nach Algeciras, aber das war alles gelogen. Niemand hat uns in Spanien geholfen”, sagte der 18-jährige Mohamed laut “El País”.
Wie Reuters am Samstag aus Fnideq und Ceuta berichtet, erzählten Rückkehrer, sie seien von Videos und Nachrichten mitgerissen worden. Doch nach der Ankunft hätten viele keinen Weg gefunden, um weiter aufs spanische Festland zu kommen. Der Bäcker Brahim aus Fez gab seinen Job auf, nachdem er Clips von Tausenden gesehen hatte, die dasselbe versuchten. “Wir kamen, um voranzukommen, nicht um getäuscht zu werden”, sagte er.
48.000 bereits zurück in Marokko
Die jüngsten Angaben sprechen von 50.000 bis 60.000 Menschen, die in dieser Woche nach Ceuta gelangten. Die Zahl der Todesopfer wurde am Samstag von spanischen Stellen auf mindestens 67 erhöht; einige ertranken, andere kamen demnach beim Gedränge an einer Wellenbrecher-Barriere ums Leben.
Nach Angaben Spaniens kehrten mehr als 48.000 von ihnen innerhalb von 48 Stunden ohne nennenswerte Zwischenfälle nach Marokko zurück.
Für viele kam der Schock erst nach dem Grenzübertritt. Supermärkte und Geschäfte waren geschlossen, Essen und Wasser schwer zu bekommen. Brahim sagte, er habe drei Tage nur von Wasser gelebt. Ein Thunfisch-Sandwich sei für 100 Dirham, umgerechnet rund 10,75 Dollar, angeboten worden. “Ceuta war wie ein Gefängnis – es gab nichts zu tun. Alles war geschlossen”, schilderte ein Arbeiter aus dem Hafen Tanger Med.
Auch die Stimmung in der Stadt kippte. Bewohner verbarrikadierten sich, Patrouillen fuhren durch die Straßen, viele Läden blieben dicht. Einige Migranten warfen Bewohnern des Viertels El Príncipe vor, sie angegriffen oder vertrieben zu haben. Reuters konnte diese Angaben nicht unabhängig überprüfen. Spaniens Innenministerium meldete zwei Leichtverletzte nach Messerangriffen in zwei getrennten Vorfällen; ein Verdächtiger wurde festgenommen. Tote durch Messerangriffe seien seit Donnerstag nicht registriert worden.
“Als Verhandlungsmasse missbraucht”
Der Eindruck vieler Rückkehrer: Sie wurden durch falsche Hoffnungen in Bewegung gesetzt. Nicht nur die Vorstellung einer offenen Grenze, sondern auch das Versprechen von Aufnahme, Visum und Weiterreise auf die Iberische Halbinsel entpuppte sich als Illusion. Aus dem vermeintlichen Sprungbrett nach Europa wurde für Tausende eine Sackgasse.
In Ceuta selbst war das Aufnahmezentrum laut einem Helfer voll und konnte keine weiteren Menschen aufnehmen. Dennoch sollen sich noch Tausende in der Exklave befunden haben. Ein Ladenbesitzer zeigte zugleich Verständnis für die jungen Männer: “Diese jungen Menschen werden komplett ausgenutzt. Sie werden als Verhandlungsmasse missbraucht”, sagte er.
“Ich gehe nicht zurück”
Ganz aufgegeben haben nicht alle. Mohamed Ahmed, ein 43-jähriger Sudanese, erzählte, ein Lastwagen habe ihn und andere nahe der Grenze abgesetzt. Danach sei er vier Stunden nach Ceuta geschwommen. Trotz des blockiertem Wegs zu einem Aufnahmezentrum sagte er: “Ich gehe nicht zurück. Ich sterbe lieber hier beim Versuch.”
Spanien reagiert unterdessen mit mehr Abschottung. Nach dem Massenansturm kündigte die Regierung eine 500 Meter lange Sperre an der Seegrenze zu Marokko an. Der politische Streit in Europa ist damit nicht beendet. Für viele der Rückkehrer ist die Bilanz aber schon jetzt klar: Sie wurden mit Bildern, Gerüchten und Versprechen gelockt – und standen in Ceuta vor verschlossenen Türen.